Auslandspraktikum
Praktikum 2026 von Alexander Kurz an der Universität Groningen (Niederlanden)
3 Wochen habe ich im Feringa Building der Universität Groningen verbracht, benannt nach dem Nobelpreisträger Ben Feringa. Im Zentrum des Praktikums stand ein Thema, das ich vorher nur aus der Theorie kannte: Katalyse in Mizellen.
Ganz kurz zur Erklärung: Mizellen entstehen, wenn sich Tensidmoleküle in Wasser von selbst zu kleinen kugelförmigen Strukturen zusammenlagern. Tenside haben einen hydrophilen und einen hydrophoben Teil, und sobald ihre Konzentration eine bestimmte Schwelle überschreitet, die kritische Mizellbildungskonzentration, ordnen sie sich so an, dass der hydrophobe Teil nach innen und der hydrophile Teil nach außen zeigt. Im Inneren der Mizelle entsteht dadurch eine Art kleiner, öliger Hohlraum. Für viele organische Reaktionen ist das interessant, weil dieser Hohlraum ähnliche Bedingungen bieten kann wie ein organisches Lösungsmittel, während drumherum ganz normales Wasser bleibt. Reaktionen, für die man sonst größere Mengen an organischen Lösungsmitteln bräuchte, lassen sich so zumindest teilweise in Wasser durchführen, was aus Sicht der grünen Chemie ein klarer Vorteil ist. Genau das habe ich mir angeschaut: Anhand einer konkreten Reaktion habe ich untersucht, wie sich eine solche mizellare Umgebung auf Ausbeute und Chiralität des Produkts auswirkt, also den enantiomeren Überschuss, unter anderem indem ich die Bedingungen systematisch variiert und die Ergebnisse verglichen habe.
Dabei bin ich mit einigen Techniken in Berührung gekommen, die für mich völlig neu waren. Gelernt habe ich sie im Labor auf Englisch, weshalb mir inzwischen die englischen Fachbegriffe geläufiger sind als die deutschen. Im Team wurde ohnehin durchgehend Englisch gesprochen, auch in den Kaffeepausen, und dadurch hat sich mein Fachvokabular im Bereich Chemie noch mal ordentlich erweitert, auch über die reine Laborsprache hinaus.
Eine der ersten neuen Techniken war die Rotary Evaporation. Sie gehörte schnell zum Alltag im Labor. Kaum ein Tag verging, an dem ich nicht mindestens einmal am Rotationsverdampfer stand. Aufwendiger war die Solid Phase Peptide Synthesis, kurz SPPS, die in meinem Fall über eine automatisierte Maschine lief. Ich hatte vorher keine Vorstellung davon, wie weit Automatisierung in der Synthesechemie inzwischen geht.
Zur Aufreinigung der Produkte dienten die Flash Chromatography und die Solid Liquid Extraction. Außerdem habe ich mit einem Auto-Column-System gearbeitet. Vorher kannte ich Säulenchromatographie nur in der klassischen, manuellen Variante aus dem Grundpraktikum. Mit dem automatisierten System ging das Ganze noch mal spürbar schneller. Für die Identifikation und Charakterisierung der Verbindungen kamen daneben H-NMR-Spektroskopie, Massenspektrometrie und HPLC zum Einsatz. Die ersten beiden kannte ich zwar aus der Theorie, lernte hier aber erstmals, wie man die Proben dafür vorbereitet. Auch die eigenständige Auswertung war etwas Neues, wobei ich mich zunächst in die entsprechende Software einarbeiten musste.
War die Reaktion auf diese Weise einmal genau charakterisiert, ließ sich der eigentliche Versuch danach sehr effizient wiederholen. Dafür habe ich sie in kleinen Reaktionsgefäßen unter jeweils unterschiedlichen Bedingungen angesetzt, zum Beispiel mit unterschiedlichen Surfactants. Dabei habe ich mir zunutze gemacht, dass Edukt und Produkt unterschiedliche UV-Maxima haben, um die Ausbeute schnell zu bestimmen, ohne jedes Mal die komplette Analytik durchlaufen zu müssen. Dadurch konnte ich viele solcher kleinen Ansätze in kurzer Zeit durchführen und miteinander vergleichen.
Neben diesen praktischen Fertigkeiten hat mir das Praktikum aber vor allem gezeigt, wie hoch der Stellenwert von sauberem wissenschaftlichem Arbeiten ist. Jeder Schritt, jede eingesetzte Menge, jede Beobachtung musste exakt im Laborjournal festgehalten werden, nicht aus reiner Formalität, sondern damit im Nachhinein nachvollziehbar bleibt, warum eine Reaktion funktioniert hat oder eben nicht. Auch kleine Abweichungen, etwa eine leicht andere Reaktionszeit oder Temperatur, mussten notiert werden, weil sie am Ende erklären können, warum ein Ansatz von einem anderen abweicht. Gerade bei den vielen kleinen Ansätzen in den Reaktionsgefäßen wurde das noch wichtiger. Ohne saubere Beschriftung und Protokollierung hätte ich am Ende nicht mehr zuordnen können, welcher Messwert zu welcher Bedingung gehörte. Am Anfang kam mir das ehrlich gesagt übertrieben genau vor. Mittlerweile sehe ich es als eine der nützlichsten Gewohnheiten, die ich aus dem Praktikum mitgenommen habe.
Groningen selbst hat mir als Stadt ebenfalls sehr gut gefallen, eine überschaubare und sehr lebendige Studentenstadt, in der auffällig viele Menschen mit dem Fahrrad unterwegs sind. Mitten in der Altstadt steht der Martinitoren, der Kirchturm, der von fast überall in der Stadt zu sehen ist und für mich schnell zu einer Art Orientierungspunkt wurde. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber der Grote Markt, der zentrale Platz der Stadt. An milden Abenden nach der Arbeit im Labor bin ich oft mit einem Buch dorthin gegangen, habe mich irgendwo hingesetzt und einfach gelesen, während um mich herum das Leben auf dem Platz weiterging. Ein schöner Ausgleich zum Laboralltag.
Am Ende habe ich aus dem Praktikum mehr mitgenommen als nur die einzelnen Labormethoden: ein besseres Gefühl dafür, wie man eine wissenschaftliche Fragestellung von Anfang bis Ende durchzieht, von der ersten Reaktion bis zur Auswertung der Spektren und Chromatogramme, und wie viel Sorgfalt dazwischen steckt. Fachlich wie sprachlich habe ich einiges mitgenommen, das mir jetzt im Studium weiterhilft. Und auch die Stadt hat ihren Teil dazu beigetragen, dass die Wochen dort in guter Erinnerung bleiben.
Praktikum 2025 von Moritz Kaiser an der Universität Groningen (Niederlanden)
Im September 2025 absolvierte ich ein einmonatiges Forschungspraktikum im Artificial Organic Chemistry Lab am Stratingh Institute for Chemistry der Universität Groningen. Während dieser Zeit arbeitete ich an einem Projekt im Bereich der kupferkatalysierten cross coupling reactions, einem modernen und vielseitigen Ansatz der organischen Synthese. Ziel meiner Arbeit war es, neue Reaktionsbedingungen zu testen und deren Einfluss auf Effizienz zu untersuchen.
Zu meinen Aufgaben gehörten Literaturrecherchen sowie das Planen und Durchführen von Reaktionen. Ich lernte den vollständigen Ablauf organischer Syntheseprozesse kennen – vom Ansatz der Reaktion über die Aufarbeitung der Reaktionsgemische bis hin zur Isolierung der Produkte. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit war außerdem die Charakterisierung der erhaltenen Verbindungen, insbesondere hinsichtlich Struktur und Reinheit.
Mithilfe eines Liquid-Handling-Roboters konnte ich Reaktionen automatisiert im kleineren Maßstab aufsetzen und auswerten, was mir einen spannenden Einblick in datengetriebene und effiziente Forschungsansätze vermittelte.
Insgesamt bot mir das Praktikum die Möglichkeit, meine praktischen Fähigkeiten in der organischen Chemie deutlich zu erweitern und wertvolle Erfahrungen im wissenschaftlichen Arbeiten zu sammeln. Besonders bereichernd war die enge Zusammenarbeit mit den Studenten vor Ort, die ein großartiges Team darstellten.